Glossarium Castorum

(Ausschnitt aus „Baumfänger – Das Buch der Biber“)


Bibergallo, der (Plural: Bibergalli)

Ein, meist in südlichen Ländern beheimateter männlicher Biber, dessen Körper aufgrund eines genetischen Defekts ständig ein Übermaß an Testosteron produziert. Das bedauernswerte Wesen ist in der
Folge gezwungen, unaufhörlich der gesamten
Umgebung aktive Kopulationsbereitschaft zu signalisieren. Das durchaus offensive bis aufdringliche Balzverhalten des Bibergallo richtet sich dabei sowohl gegen Wesen aber auch Gegenstände, was gelegentlich zu unangenehmen und letalen Begegnungen der Bibergallos mit ihren natürlichen Fressfeinden und Menschen führt, aber auch mit zufällig in der Nähe des Damms geparkten Mopeds bzw. Klein­wagen und deren Auspuffstutzen, Picknickzubehör, Motorsägen etc.

Das Umnagen von Bäumen durch den Bibergallo geschieht meist nur, um das Tier an die höhergelegenen Astlöcher gelangen zu lassen, was ihm in der Folge seinen üblen Ruf als Flurschänder eingebracht hat.


Bibergeno

Einer der Protagonisten aus Mozarts weitgehend
unbekanntem Opernwerk „Die Biberflöte“, die unter Opernfreunden als früher Höhepunkt des Schaffens von Mozart und seinem Librettisten Schikaneder gilt.

Für Wolfgang Amadeus Mozart und Emanuel
Schikaneder, die einander bei gemeinsamen Biber­beobachtungen in der Weite der Wiener Donauauen privat schätzen gelernt hatten, war dies der erste
Versuch einer Zusammenarbeit. Das Werk erreichte leider im ersten Anlauf keine große Popularität. Erst eine spätere tiefgehende Nachbearbeitung des Stoffes, u. a. wurde der Titel auf „Die Zauberflöte“
geändert, führte zum erhofften Erfolg.

Die bereits für „Die Biberflöte“ verfassten Arien wurden dabei in kaum veränderter Form übernommen.

So zum Beispiel die Arie des Bäumefängers, der in der Neufassung als Vogelfänger bekannt ist:

Der Bäumefänger bin ich ja

Stets lustig, heißa, hopsassa …

sowie die des Baumgeistes Tannino, der, um die
Nager zu besänftigen, zu singen anhebt:

Der Biber ist bezaubernd schön,

wie noch kein Auge je geseh’n …

Wie wir wissen, wurde später daraus die Arie des Prinzen Tamino …

Und schließlich die Arie der Königin des Biberdammes (später: die Königin der Nacht), die das Zerstörungswerk des Holzfällers Sägasto (in der Neufassung die Figur des bösen Prinzen Sarastro) bitter beklagt:

Der Hölle Rache kocht in meinem Damme,

Tod und Verzweiflung flammet um mich her!

Fühlt nicht durch dich Sägasto ich des Zornes Flamme,

So wähnt ich mich als Biber nimmermehr.


Biberpapa

Kanadische Version der Zeichentrickserie „Barbapapa“ um eine Familie von Formwandlern, die in der Lage sind, jedwede Gestalt annehmen zu können. Im
Unterschied zu den Barbapapas ist die Familie Biberpapa (bestehend aus Biberpapa, Bibermama, Biberix, Biberbella, Biberletta, Biberwum, Biberbo, Biberkus, Biberlala) nicht in der Lage, ihre Gestalt zu jeder
Größe und Form zu verändern. Die Biberpapas
müssen, um sich zu verwandeln, ungeheure Mengen  an Holz, Holzspänen oder Pellets verzehren, woraufhin sie schließlich unglaublich dick werden. Sobald sie wieder dünn werden wollen müssen sie aufhören zu essen, sich bewegen, schwimmen und Dämme bauen. Mit diesem Ansatz erreichte das Produktionsteam von Biberpapa zweifellos die angestrebte
Realitätsnähe, die Serie kam jedoch aufgrund der eher verhaltenen Publikumsreaktionen – einzig die kanadische Ausgabe der Vereinszeitung der Weight-Watchers sowie „Woodpecker“, die Innungszeitung der kanadischen holzverarbeitenden Industrie, ver­öffentlichten positive Rezensionen – nicht über die erste Staffel und wurde eingestellt.


Bibizaner

Wie nur wenige wissen, war das heute weltberühmte Gestüt Piber (ehemals Biber), ehe es zum Zentrum der Lipizzaner, der weißen Pferde aus Lipica wurde, die weltweit größte (und auch einzige) Zuchtstelle für Albino-Biber aus Bobrica (deutsch: Bibiza), die demgemäß unter dem Namen Bibizaner Weltruhm
erlangten.

Lange, ehe Seehunde, Pferde, Wollschweine und exotische Raubkatzen ihren Einzug in die Zirkusmanegen der Welt hielten, waren die weißen Biber die unumstrittene Attraktion in den Manegen rund um den Erdball. Die überaus gelehrigen Tiere jonglierten
Bälle und Holzstücke auf ihren Kellen (die Jonglier­hölzer wurden deshalb auch lange Zeit „Kellen“,
später erst „Keulen“ genannt), hoppelten geschmeidig durch flammendrot gestrichene Reifen, Zauberer
zogen junge Biber aus dem Zylinder, und speziell
ausgebildete Bibizaner, die mit roten Pappmaschee-
Nasen durch die Manege tapsten, rissen das Publikum zu Lachstürmen hin.

Der Ruhm der Bibizaner drang bis nach Amerika. Am New Yorker Herald Square, dem Vorgänger des heutigen Broadway, gab es eine Reihe ausverkaufter
Vorstellungen, bei denen ausschließlich Biber mitwirkten, sogenannte Bib-Shows, wobei der Titel eine kleine Hommage an das deutsche Wort „Biber“
darstellte.

Anfang des 20. Jahrhunderts schließlich passierte eine Katastrophe: Es wurden keine weißen Biber mehr geboren. Sämtliche neugeborenen Biber, selbst aus jahrzehntealten weißpelzigen Bibizanerlinien kamen mit braunem Fell zur Welt, und braun blieb es auch. Versuche mit Chlorbleiche, weißer Farbe und einer von verzweifelten Biberzüchtern entwickelten
Substanz, die erst 1918 durch den französischen
Chemiker Louis Jacques Thénard „wiedererfunden“ und später unter dem Namen Wasserstoffperoxid
bekannt wurde, führten zu vermeintlichen, jedoch nur kurzzeitigen Zwischenerfolgen. Kaiser Franz Josef I, selbst ein bekennender Freund der Bibizaner, verbot die weiteren Versuche, da er darin „nur eine Quälerei der Viecher“ sah. Auf seine Anordnung wurden die verbliebenen Biber in den Donauauen ausgesetzt.

Wissenschaftler der Gegenwart vermuten, dass sich durch ökologische Veränderungen die genetische Struktur der Bibizaner verändert hatte und das
„weiße Bibergen“, ohnehin bloß ein Spielball der
Evolution, rückgebildet worden war.

Die Ära der Bibizaner war zu Ende.

In den leerstehenden Anlagen fand nunmehr die Pferdezucht, bisher ein eher lässlicher Nebenerwerb von Piber, ihren Raum, speziell der Zucht weißer Pferde aus Lipica wurde auf Befehl seiner königlich-kaiserlichen Majestät Franz Josef I in Erinnerung an die weißen Biber besonderes Augenmerk geschenkt.

Der Kaiser, der den Verlust der weißen Biber mit den historischen Worten: „Mir bleibt auch nichts erspart!“ kommentierte, trug bis an sein Lebensende ein weißes Biberfell als Backenbart.

Als Hommage an die neuen Hauptdarsteller, die
weißen Pferde, wurde der Name des Gestüts leicht adaptiert, das „B“ in „Biber“ wurde in ein „P“ ver­wandelt. Selbst die letzte Erinnerung an die Bibizaner, ein aus weißem Marmor gemeißelter Biber am
Eingang des Anwesens, fiel im 2. Weltkrieg einer fehlgeleiteten britischen Fliegerbombe zum Opfer …


Aus: „Baumfänger – Das Buch der Biber“ (satirische Texte)

2015, M.A.D.-Verlag

160 Seiten, broschiert

Euro 12,90

ISBN: 978-3-9503146-7-0


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